Hilfe für Prostituierte, Straffällige und Drogenabhängige.

“Ich wünsche mir für diese Frauen ein würdevolles Leben”

Christian Böhmer painting for Urban Nation One Wall Project at Bülowstraße 32, Berlin, Germany, in March/April, 2019. Photo by Nika Kramer @urbannationberlin

Christian Böhmer, ein Graffiti-, Street-Art- und Urban-Art-Künstler aus Köln, hat im April in der Bülowstraße 32 in Schöneberg ein großflächiges Wandbild geschaffen, das auf die prekäre Situation von Frauen in der Prostitution im Kurfürstenkiez aufmerksam machen soll.

Auf der Webseite “Urban Nation” wurde das Werk folgendermaßen erläutert: “Böhmers Markenzeichen ist die Darstellungen von Personen mit Köpfen, die von Papiertüten verdeckt werden. Mit diesem Stilmittel greift er kritisch zeitgenössische und soziale Themen auf und wagt den Spagat zwischen Selbstdarstellung und Anonymität in einer immer oberflächlicher werdenden Welt. Sein neues Wandbild zeigt eine Protagonistin mit eben genannter Papiertüte auf dem Kopf. Im Zentrum und durch das brennende Rot des Handschuhs untermalt, steht das Handzeichen: “Shhhhhhhh”. Hier wird Schweigen angedeutet, das leider viel zu häufig Grund für das alltägliche Wegschauen ist, ohne die Situation der Frauen auf der Straße zu hinterfragen. Die stille Akzeptanz ermöglicht die prekäre Situation. Wir sind aus seiner Sicht nicht unschuldig, sondern aktive Teilnehmer einer kollektiven sozialen Vernachlässigung.”

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Wir haben dem Künstler ein paar Fragen zu seinem Werk gestellt:

In der Kunst wird Prostitution meist als glamourös oder verrucht dargestellt. Ihr Bild “Speak Up. Stand Up” in der Bülowstraße 32 in Berlin-Schöneberg hat nichts von diesen beiden Kategorien. Ein Bild „nur“ zum Nachdenken oder auch ein gesellschaftspolitisches Statement?

Christian Böhmer: Ja, auch ein gesellschaftspolitisches Statement. Natürlich soll die Arbeit zunächt zum Nachdenken anregen, doch es geht hierbei um noch viel mehr. Wie Sie bereits gelesen haben, steht diese Arbeit als kritische Auseinandersetzung mit dem Problem der Straßenprostitution und auch der damit verbundenen Kriminalität in dem Bezirk. Gerade in einer Zeit wie heute, in der das Frauenbild in der Öffentlichkeit noch immer durch eine sexistische Grundnote geprägt ist, wollte ich eine Arbeit schaffen, die ganz bewusst mit dem Thema spielt, sich jedoch auch der allzu hingebungsvollen Darstellung verweigert. Auch die dargestellte Geste unterstreicht diesen Gedanken.

Wie waren die ersten Reaktionen der Anwohner und Passanten?

Böhmer Die Reaktionen der Passanten waren, soweit ich dass beurteilen kann, durchweg positiv (ich stand meistens auf der Hebebühne und hatte nur selten direkten Kontakt zu den Passanten). Während der Entstehung wurden viele Fotos geschossen und Fragen zu der Arbeit gestellt. Die allermeisten unterstützen die darin vermittelte Botschaft. Auch die Anwohner haben ähnlich reagiert.

Die Bülowstraße gehört zum berüchtigten Berliner Straßenstrich. Der Ort ist also sehr bewusst gewählt. Ihr neues Bild ist nicht Ihr erstes hier im Kurfürstenkiez. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn sie die Frauen am Straßenrand stehen sehen?

Böhmer; Natürlich denkt man darüber nach, wenn einem diese Frauen auf der Straße begegnen. Ich frage mich dabei, wie wohl deren konkrete Lebensumstände sind, welcher Weg sie in diese Situation gebracht hat und wie man darauf reagieren sollte. Auch wenn man selbst angesprochen wird, ist das natürlich immer eine besondere Situation, die einen zum Nachdenken bringen sollte.

Sie dürfen sich für diese Frauen etwas wünschen. Was wäre das?

Böhmer: Ich wünsche mir für diese Frauen ein würdevolles Leben und einen respektvollen Umgang. Und die Kraft, aus dieser Lebenssituation herauszukommen.

Die Fragen stellte Gerhard Schönborn

Foto: Nika Kramer (http://www.nika-kramer.com/ )